Schwere

Seit gestern legt sich wieder eine Schwere über mich und drückt mir den Brustkorb zusammen. Mir fällt es schwer richtig zu atmen, weil es sich anfühlt als würde mich jemand zu Boden ziehen. Ich versuche jedes Geräusch zu vermeiden. Alles klingt laut, zu laut. Und vor allem… ich würde mich am liebsten irgendwo verstecken und kein Wort reden, niemandem verraten wo ich bin und dazu muss ich leise sein. Kein Geräusch von mir geben, damit mich niemand entdeckt und auf einmal seine Erwartungen an mich stellt. Und wenn es nur zuhören ist. Denn ich habe keinen Kopf dafür mich  mit den Geschichten anderer Menschen zu befassen. Und die beschweren sich hinterher und sagen mir, was für eine schlechte Freundin ich doch bin. Jaaa, weiß ich selbst.

Gedanken, Grübeleien und Fragen beschäftigen mich den ganzen Tag. Bin ich vielleicht doch selbst schuld, dass es hier nicht geklappt hat? Habe ich zu viele Fehler gemacht? Ich bekomme ein Arbeitszeugnis, wie soll das aussehen? Ich habe hier wahrlich nichts geleistet und schon gar nichts, was zu einer guten Bewertung führen könnte. Was ist, wenn ich zu viele Hoffnung in den Neuanfang stecke? Wenn die alten Kollegen sich doch gar nicht so freuen? Wenn es nur Geläster gibt? „Kommt nach 9 Monaten schon zurück! Was ist mit der? Fett ist sie geworden. Dabei hatte sie doch so gut abgenommen Abschiedsgeschenke kassieren und dann hier wieder ankommen….“

Ich weiß, dass das die Depri-Uschi ist, die nach mir greift und mir diese Ideen in den Kopf setzt. Aber was will sie jetzt? Ich kann das gerade nicht gebrauchen. Und ich will sie auch nicht! Immer wenn ich positiv bin und wirklich glaube, dass es sich zum Guten wendet, kommt sie und versucht es kaputt zu machen. Vielleicht ist es auch ein Test. Sie probiert, wie fest ich in meiner Zuversicht bin. Aber vielleicht hat sie auch Angst, dass ich sie vergessen könnte, dass ihre Rolle in meinem Leben noch kleiner wird. Und dann muss sie mich daran erinnern, dass sie auch noch da ist, dass sie so leicht nicht aufgibt und dass sie nicht so schwach ist, wie es mir lieb wäre.

Als ich mir heute einen Kaffee geholt habe, habe ich mit einer Kollegin gesprochen, natürlich über meine Kündigung.  „Wir beglückwünschen jeden, der es schafft hier rauszukommen!“ Das zeigt doch, dass ich gar nicht so verkehrt sein kann. Und selbst wenn mein Zeugnis nicht so toll ist, selbst wenn es richtig mies ist. Wer sagt, dass ich das bei zukünftigen Bewerbungen mitschicken muss?

Auch bei meiner Bürokollegin habe ich die Sätze „Manchmal wundere ich mich, dass die Leute bei uns nicht schreiend weglaufen“ und „Wissen Sie was das schlimmste ist? Ihr alter Arbeitgeber hat sie zurückgeworben!“ aufgeschnappt. Mir war es nicht bewusst, dass gerade das so viel ausmacht. Außerdem sprach sie davon, dass sie hier als Eisklotz bezeichnet wird, aber trotzdem mit einem Lachen zur Arbeit kommen würde, weil es ihr egal wäre. So sehr ich die Einstellung befürworte, sich nicht zu sehr um die Meinung anderer Leute zu scheren befürworte, für mich wäre es ein Alptraum, wenn jemand so von mir reden würde! Ich glaube, die Kälte ist vor allem Fassade und vermutlich reiner Selbstschutz, aber trotzdem… mir laufen heute immer wieder Schauer über den Rücken. Aber es zeigt, dass ich hier nicht hingehöre, dass ich es richtig mache und wohin das alles führt, werde ich sehen. Ich lasse die Depression nicht mehr gewinnen, ich lasse mich nicht bestimmen. Auch wenn diese Schwere kaum zu ertragen ist und ich davon niemandem erzählen kann, der es auch verstehen würde.

 

 

 

 

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12 Kommentare zu „Schwere

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  1. Ich glaube, die Depri-Uschi (ich find die Bezeichnung grandios!) kommt bevorzugt dann, wenn viel im Umbruch ist. Wenn große Veränderungen anstehen. Und wenn man dann noch solche Aussagen mitbekommt, dann ist das einfach Futter. Dann hat man vielleicht noch irgendwo auf dem Weg der Sozialisation die Erfahrung gemacht, dass einem suggeriert wird, dass man falsch und kaputt ist, man nicht funktioniert. Und zack, schon ist die Tür einen Spalt offen. Das trübe Wetter begünstigt auch nochmal trübe Gedanken. Das sich zurück ziehen und verstecken wollen, das kenne ich auch zu gut. Am liebsten das Konto leer räumen und einfach weg. Nur, das ändert ja nix. Die Gedanken sind trotzdem da, die Probleme auch. Die kommen ja mit, quasi im mentalen Reisegepäck.
    Ja, in diesen Phasen ist es das beste, sich auf das Gute zu besinnen. Sehen und Hinnehmen, dass die Depression da ist, aber sie nicht wieder rein lassen (sie steht doch gut so, da im Schnee, mit den Eiszapfen dran). Ganz ruhig atmen, sich darauf konzentrieren und sich erden, das ist das einzige, was dann geht. Die Schwere, die geht dann (hoffentlich) auch von allein.

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    1. Die Depri-Uschi kommt übrigens von meiner Schwester, die mal zu mir sagte, ich wäre zwar kein Mensch, dem ständig die Sonne aus dem Allerwertesten schiene, aber deswegen sei ich noch lange keine Depri-Uschi. Es ist wie eine fiese Tante, die man nicht dabei haben will, sich aber ständig selbst einlädt.
      Anonsten gebe ich dir mit allem recht. Nur dass das Verstecken kein Abhauen sein soll. Da warten ja nur wieder neue Dinge und Leute. Am liebsten wäre mir immer Decke über den Kopf – nichts sehen, nichts hören und mir vormachen, ich könnte mich abschirmen.

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