Wenn Beiträge anders enden als gedacht…

In letzter Zeit komme ich morgens nicht gut aus dem Bett. Ich stelle meinen Wecker schon gute 15 Minuten früher, in der Hoffnung mit der gleichen Snooze-Zeit dementsprechend eine Viertelstunde früher aus dem Bett und aus dem Haus zu kommen. In der ersten Woche, also jetzt, klappt das sogar einigermaßen. Na ja… Zumindest stehe ich früher auf. Und dann trödle ich länger rum, so dass ich auch nicht früher loskomme. Ein Hoch auf die Gleitzeit! Denn dadurch gibt es keinen Ärger mit dem Chef, wenn ich eine halbe Stunde später komme.

Auf die Frage einer Freundin, wie es mir geht, antwortete ich dann auch, dass ich morgens nicht aus dem Quark komme, aber ansonsten gehe es mir gut. Und das stimmt! Das konnte ich früher nicht sagen. Es war höchstens noch ein „gut, aber…“ Ich gebe es zu – ein kleines Aber war meine Aussage heute Vormittag doch. Aber es hat eine andere Intention als früher. Es ist gerade dieses und jenes los, aber es geht mir trotzdem gut. Es gab Zeiten, da konnte ich es mir nicht erlauben, dass es mir gut geht. Wie kann es einem denn gut gehen, wenn das Chaos um einen tobt? Wie kann es mir gut gehen, wenn die Depri-Uschi mich ganz fest in ihren Armen hält und mich glauben lässt, dass es niemals etwas Anderes geben wird? Oder auch wenn woanders kleine Kinder verhungern? Ich trug den kompletten Weltschmerz auf meinen Schultern und damit ging es mir natürlich nicht gut.

Ich weiß nicht warum und ich weiß nicht wie, vielleicht auch durch den Brand und den erneuten Jobwechsel, im Grunde ist es auch egal, warum, aber jetzt kann ich sagen, ja es ist eine ganze Menge los, auch ziemlich viel Mist, aber mir geht es gut. Und darauf bin ich stolz.

Leider ist das eine Entwicklung, die nur ich sehe. Denn als Reaktion kam nur „Ich weiß, scheiß Gleitzeit.“ Ähm ja… Gleitzeit würde nämlich nur dazu verlocken liegen zu bleiben. Mal abgesehen davon, dass der starre Arbeitsbeginn mich auch nicht davon abgebracht hat morgens einfach vor mich hinzustarren, verstehe ich nicht warum man sich immer selbst so missachten muss. Ich hasse es aus tiefstem Herzen früh aufzustehen und ich bin morgens langsam. Ich weiß nicht, wie andere Leute fröhlich aus dem Bett hüpfen, entspannt einen Kaffee trinken, dann staubsaugen, eine Runde Yoga machen, zwei Stunden Meditieren, die Fenster putzen, einen Halbmarathon laufen und pünktlich um halb 8 im Büro sitzen. Das ist für mich undenkbar. Bei mir läuft morgens alles langsam und ruhig. Ich muss erst anlaufen. Also warum soll ich auf die Gleitzeit schimpfen, anstatt froh zu sein, dass ich diese Möglichkeit habe? Dass ich dafür dann auch länger als andere im Büro sitze, ärgert mich zwar ab und zu, ist aber letztendlich nur die logische Konsequenz. Außerdem arbeite ich dann wesentlich effektiver als morgens um 7.

Aber woher kommt dieser Glaube, man muss in ein Korsett gepresst werden, um wie gewünscht zu funktionieren? Das ist ein Gedanke, der mir auch nicht fremd ist, aber den ich immer mehr in Frage stelle. Ich will nicht mehr funktionieren und mehr auf mich selbst hören.

Ähnlich ist es mit dem inneren Schweinehund. Den muss man bekämpfen und besiegen. Ich habe meinen sogar schon mal auf Facebook angeboten. (Muss ich erwähnen, dass ihn niemand haben wollte?) Aber vielleicht ist es ja mehr als der Fiesling, der einen auf die Couch lockt. Vielleicht ist er der Körper, der sagt: „Du hast genug zu tun, du bist so müde, gönn dir doch einfach einen Abend Ruhe und dann hast du wieder mehr Kraft für die Aufgaben, die das Leben gerade an dich stellt.“.

Gut, dass es nicht so einfach ist, habe ich erst gestern gemerkt. Ich bin mit Absicht länger im Büro geblieben und habe mir eine Geschichte ausgedacht, damit ich nicht zum Yoga „muss“. Ich schäme mich dafür gegenüber der Freundin, die mich abholen wollte und ich finde es selbst total bescheuert. Warum kann ich nicht ehrlich sagen: „Ich bin heute so fertig, ich kann einfach nicht!“? Ich weiß schon warum. Weil diese Aussage nicht besonders „in“ ist. Man darf nicht einfach faul sein und nichts tun. Man muss sich selbst optimieren, manipulieren und dann soll es einem angeblich gut gehen. Die richtige Frage ist doch: Bist du gerade einfach zu faul oder kannst du wirklich nicht? Und egal, wie die Antwort ist, was hilft dir jetzt, damit es dir gut geht? Manchmal ist es trotzdem zum Yoga zu gehen und manchmal ist es, so wie bei mir gestern, früh ins Bett gehen.

Ähnlich ist es über den Umgang mit Depressionen. Man wird ausgegrenzt, nicht verstanden und bekommt ständig blöde Sprüche zu hören. Warum ist es so schwer zu akzeptieren, dass man nun mal nicht helfen kann – zumindest nicht im Sinne von Pflaster drauf und das Aua fliegt davon?

„Wir haben schon so oft darüber gesprochen und es ändert sich sowieso nichts!“ Ja, genau das zeigt mir wieder, wie unzureichend ich bin. Ich kriege es nicht hin. Und du sagst mir ja auch noch, dass ich eine Belastung für dich bin. Vielleicht rede ich mit dir lieber nicht mehr.

„Ich versuche ja immer das Positive in allem zu sehen!“ Schön, dass du das machst. Aber ich sehe es nicht und ich bin auch nicht du! Und ich weiß, dass ich so nicht okay bin.

„Du musst nur unter Leute!“ Warum? Ich will nicht unter Leute! Das ist anstrengend, weil ich allen vorspielen muss, dass es mir gut geht. Mir geht es aber verdammt nochmal nicht gut. Was soll mir das also bringen?

„Ich bin auch manchmal traurig.“ Ich bin aber nicht einfach nur traurig!… und so weiter und sofort.

EDIT: Ein Satz, der mir nachts noch eingefallen ist: „Du musst dein Leben und dein Glück selbst in die Hand nehmen!“ Für diesen Satz habe ich eine langjährige Freundschaft beendeet. Und ich glaube, das würde ich heute noch ganz genauso machen. Vielleicht würde ich vorher noch versuchen, zu erklären, warum das so verletztend für mich ist. Aber im Grunde hat diese Freundin mich ohnehin nie verstanden.

Ich sehe, wie andere bemitleidet werden, wenn Beziehungen beendet werden, die Unterstützung, die sie bekommen und was bekomme ich? Reiß dich zusammen, dein Leben ist doch okay. Und wenn nicht, dann mach halt was. Ich will ja, aber ich kann nicht. Wie soll ich das begreiflich machen?!?!

Mittlerweile denke ich auch anders und könnte anders mit solchen Aussagen umgehen. Trotzdem steckt der Schmerz noch tief. In meinen schlimmsten Zeiten habe ich mir gewünscht, dass einfach jemand da ist, der sich mit mir ins Bett legt und in den Arm nimmt. Mehr nicht. Ich wollte gar keine Tipps oder hohle Phrasen, die eher dem helfen, der sie sagt. Ich wollte das jemand da ist und mich so nimmt, wie ich bin. Mit all meinen Schwächen und Unzulänglichkeiten. Aber auch mit meinen Stärken und Leidenschaften. Und das hatte ich leider nie. Und je mehr ich diese Rolle selbst einnehme, umso weniger bin ich bereit mir reinreden zu lassen, mich bewerten zu lassen und mich selbst zum Funktionieren zu zwingen, um den Erwartungen anderer zu entsprechen. Trotzdem hätte ich irgendwie gerne eine Rückmeldung von außen. Widerspricht sich das? Ich hätte gerne eine Freundin oder ein Familienmitglied, dass sowas sagt wie: „Du hast dich super entwickelt“, „ich finde es gut, wie du mit dem allen klarkommst“, „dass es dir nicht mehr so schlecht geht“. Oh erwischt. Ein Freund hat das letztens erst gesagt. Mhh… scheinbar reicht es mir nicht. Schade. Ich denke immer noch, dass zuerst die Familie kommen muss, obwohl ich genau weiß, dass das nicht passieren wird. Das macht mich gerade traurig.

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7 Kommentare zu „Wenn Beiträge anders enden als gedacht…

Gib deinen ab

  1. Depression verstehen tatsächlich leider nur wenige Menschen, dass das keine Sache des Aufraffens oder einfach mal so machen ist. Wenn es die eigene Familie nicht versteht, ist es umso bitterer. Du bist auf dem richtigen Weg und ich lese noch nicht lange bei dir, meine aber, dass du dich zumindest mit dem, was du schreibst, verändert hast. UND DAS IST GUT UND GROSSARTIG!!!! Vielleicht kommt irgendwann etwas von deiner Familie oder nie – DU bist wichtig! Manchmal hilft es, zu versuchen zu sehen, was sie gutes gesagt haben (womit ich bei meinem Naikan bin – sorry .-) ). Ich drück dich virtuell …

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