Über dem ängstlichen Gedanken, was etwa morgen uns zustoßen könnte, verlieren wir das Heute, die Gegenwart, und damit die Wirklichkeit.

Soll ich meine Therapeutin bitten, weitere Therapiestunden zu beantragen?

Die Idee schwirrt seit gestern in meinem Kopf herum. Mein nächste Sitzung habe ich erst verschoben. Nicht, weil es mir so gut geht, sondern weil ich noch lange die Möglichkeit haben will jederzeit anrufen zu können.

Mir macht es große Angst, dass die Therapie bald weg fallen wird. Ich habe doch auch gerade erst die Antidepressiva abgesetzt. Bin ich schon weit genug?

Ja, ich habe viel gelernt und natürlich geht es mir so unfassbar viel besser. Aber kann ich das letzte Jahr als „Schwachstelle“ auslegen? Als Beweis, dass ich eben doch noch nicht so weit bin? Weil ich immer noch zu viel mit Essen verarbeite, weil das Verhältnis zu meiner Familie immer noch schwierig ist, weil mir immer noch Sicherheit fehlt, weil ich so sehr an mir zweifle, weil ich mich anderen Menschen eben doch nie so richtig öffne…

Ja und nein. Ich esse zu viel, wenn es mir schlecht geht, wenn ich mich leer fühle, esse ich, um mich voll zu machen, ich esse, um mir gutes zu tun. Und das ist nicht richtig. Da muss ich einen besseren Weg finden, ja. Das Verhältnis zu meiner Familie ist schwierig, ja. Aber ist es das nicht irgendwie immer? Vielleicht habe ich auch einfach eine zu rosarote Vorstellung von Familie, weil ich woanders immer nur die positiven Dinge sehe. Ja, mir fehlt Sicherheit. Aber gibt es überhaupt Sicherheit? Und wenn ja, ist diese tatsächlich auch für mich machbar? Ich mach mir nun mal viele Gedanken, aber ich mache ja trotzdem… und darauf kommt es letztendlich an, oder? Ich zweifle an mir, aber ich weiß, dass ich das überhaupt nicht müsste. Das letzte Jahr war keine Schwachstelle, es hat mir gezeigt, dass ich stark bin und dass ich endlich anfangen sollte, daran zu glauben. Wie viele Prüfungen muss ich denn noch bestehen, bis ich das endlich glaube? Ich öffne mich Menschen, in dem Maße, ich das in dem Moment öffne. Als wir nach einer Yogastunde letzten über Beziehungen gesprochen haben, sagte jemand, dass man sich für eine Beziehung ja auch total öffnet und das natürlich verletzlich macht. Und mir schoss direkt der Gedanke durch den Kopf, dass ich deswegen so lange Single bin. Und das mag zum Teil auch stimmen. Andererseits will ich auch gar nicht jedem Hansel gleich mein Herz öffnen. Solche Leute sind häufig auch eher anstrengend, weil sie einen mit sich so überfrachten.

Also doch nur die Angst? Habe ich Angst ohne Stützräder zu fahren? Die Sachen mit den Stützrädern ist ja die – man verlässt sich so sehr auf sie und bemerkt gar nicht, dass sie so verbogen sind und in der Luft stehen, dass man im Grunde schon lange ohne fährt. Aber das erste Mal Fahren, nachdem sie abmontiert wurden, ist fürchterlich und angsterfüllt.  Und wenn ich Angst habe, werde ich so vorsichtig, dass ich umfalle. Bin ich gerade an dem Punkt?

Aber es sind nicht nur die Stützräder. Das Fähnchen kommt auch noch weg. Ohne Yoga – wie soll das gehen? Bzw. ich bin im letzten Jahr, so selten gegangen, ich sehe ja, wohin das geführt hat. Und da hatte ich zumindest noch jederzeit die Möglichkeit.

Es fühlt sich so an, als hätte ich mir ein gutes Auffangnetz aufgebaut und jetzt reißt es überall und wird angeschnitten. Heißt es, dass das doch nicht genug war? Ich verfange mich selbst so in meinen Gedanken und Sorgen, dass ich selbst gar nicht mehr weiß, was richtig ist. Und ob ich mir selbst zu gut zurede oder mich zu verrückt mache. Und all das wird vermutlich erst die Zeit zeigen. Aber mit oder ohne Therapie? Ich weiß es gerade selbst nicht….

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22 Kommentare

  1. Wichtig ist doch eigentlich nur, das morgen wieder die Sonne aufgeht, alles andere wird sich weisen. Ich denke bei Familie gibt es zwei große Unterscheidungen es gibt anstrengende Familien (positiv) und belastende Familien (negativ) mit jeweils unterschiedlicher Intensität. Die Frage ist und bleibt aus was für einer Herkunftsfamilie man kommt und wie kritisch und ehrlich man zu sich selbst ist.
    Ich drücke Dir die Daumen!

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  2. Ich bin immer für Therapien. Bin auch froh, dass ich meine zwei Therapien pro Woche habe. Und ich kenne den Gedanken, dass man denkt, jemand anderem einen Platz weg zu nehmen. Aber Du bist genau so wichtig. Also lass die vergleichenden Gedanken sein und höre auf Dich. Und sprich mit Deiner Therapeutin und Deiner Ärztin. Ihr alle zusammen werdet wissen, was richtig ist für Dich.

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  3. Pingback: Meine vorletzte Therapiestunde | colours & darkness

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