In the end it doesn’t even matter

Chester Bennington ist tot. Ich kann wirklich nicht behaupten, ich wäre ein großer Linkin Park Fan gewesen, aber mich macht es immer betroffen, wenn jemand sich dazu entscheidet sein Leben zu beenden und dies dann auch tatsächlich tut.

Wahrscheinlich weil ich selbst auch an diesem Punkt war, aber zu schwach und zu stark, um es tatsächlich durchzuziehen. Damals kam es mir wie eine Schwäche vor. Nicht mal das konnte ich. Aber gleichzeitig gab es irgendetwas in mir, dass eben stärker war, stärker als ich selbst. Ob es jetzt der reine Überlebenswille war, oder etwas anderes, weiß ich nicht. Aber diese Stärke/Schwäche hat mir das Leben gerettet. Und dann wusste ich, dass ich etwas ändern muss, denn weiter so vor sich hin zu vegetieren und zu leiden, konnte nicht die Lösung sein.

Mir tut es unfassbar leid, um jeden, der diesen Schritt gewählt hat und gleichzeitig muss ich zugeben, dass ich auch ein klein wenig Bewunderung empfinde, dass da jemand konsequent das gemacht hat, was er gefühlt hat. (Dabei möchte ich über richtig oder falsch gar nicht urteilen.)

Was mich gleichermaßen fasziniert, aufregt und verletzt, sind die aus solchen Selbstmorden resultierende Diskussionen. „Depressionen sind doch keine Entschuldigung.“, „Feigling“, „Die armen Kinder/Frau/Mann/Lokführer/Hund/Katze/Maus…“ „Den einfachen Weg genommen“, „Depression sind keine Krankheit“, „Wir alle machen mal schwere Zeiten durch“…. Ich weiß gar nicht, warum ich mir das immer wieder antun muss. Was genauso schlimm ist wie diese Sprüche ist die Reaktion von einigen Leuten, auf ernsthafte Versuche es zu verstehen. Da ist jemand, der ganz rational denkt und dementsprechend überhaupt nicht nachvollziehen kann, was einen Menschen dazu bringen kann. Ich finde es gut, dass er fragt, denn wir wollen doch immer mehr Verständnis und das setzt erstmal Interesse voraus. Damit ist er schon viel weiter, als viele (vor allem ehemalige) Freunde von mir. Und was passiert? Er wird beschimpft und vor allem fällt immer wieder der Spruch „Wenn  man keine Ahnung hat, soll man die Fresse halten!“ Ich glaube, das hat Dieter Nuhr anders gemeint. Wie soll man denn dazu lernen, wenn man nicht fragen darf?

Und wer ist am allerschlimmsten, bei dieser ganzen Pöbelei? Die die sagen, ich hab selbst Depressionen, ich weiß, wovon ich rede. Nach einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren 2015 rund 322 Millionen Menschen betroffen, 4,4 Prozent der Weltbevölkerung. Und nur weil ich einer davon bin, weiß ich, wie es für 331.999.999 andere ist? Wie unfassbar anmaßend und unglaublich dumm das ist! Das regt mich fast mehr auf, als die mit den dummen, oberflächlichen Sprüchen.

Und all das führt dazu, dass ich mich eben doch lieber verstecke. HIer kann ich sagen kann, dass ich Depressionen habe, wann eine schlimme Phase da ist, was mir dann durch den Kopf geht. Aber Treffen sage ich dann doch lieber wegen Kopfschmerzen ab, anstatt zu sagen, ich habe gerade so eine schlimme Phase, dass ich mich nicht unter Menschen traue, dass mir das zu anstrengend ist, dass ich sowieso keinem Gespräch folgen kann, weil ich mich so um mich und meine Grübeleien kreise, dass da kein Platz für etwas anderes ist. Und dass ich dann lieber als komisch gehalten werde, weil ich kurzfristig absage, als dass ich die Bekloppte bin, die sich mal zusammenreißen soll. Schließlich machen wir alle mal schwierige Zeiten durch.

Ich habe das Gefühl, dass sich die Haltung zu Depressionen und psychischen Krankheiten auch wieder dreht. Bei Robert Enke waren wir alle unheimlich betroffen und wollten offener sein, weil es so fürchterlich ist, Depressionen verheimlichen zu müssen. Jetzt wird wieder draufgetreten und das macht mich unheimlich traurig.

Sometimes solutions aren’t so simple
Sometimes goodbye’s the only way

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13 Kommentare

  1. Ich glaube, das Problem ist zweierlei: Zum einen sieht man die Depressionen einem Menschen nicht an, zum anderen herrschen bei Gesunden häufig falsche Vorstellungen von Depressionen. Oftmals wird nicht anerkannt oder sich bewusst gemacht, dass es sich um eine Krankheit handelt, denn der Trugschluss, dem die Menschen oft unterliegen ist, dass das eigene Verhalten selbstbestimmt gesteuert wird.

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  2. Mich hat dieser Selbstmord auch getroffen, auch deshalb, weil auch ich immerhin an einem Punkt war, wo ich – nun, ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn ich nicht in die Klinik gegangen und „Schutz gesucht“ hätte – Schutz vor mir und meinem Inneren, das mich überwältigt hatte, in der Gewalt hatte, das mich steuerte. Ich liebe meine Kinder inniglich und muss immer fast weinen, wenn ich daran denke, dass sie vielleicht mit dem ewigen Verlust ihrer Mutter durch Selbstmord zurechtkommen müssten. Aber psychische Krankheit schafft es, sich über solche Gefühle hinwegzusetzen und vollkommen irrationale Entscheidungen zu treffen. Ich hätte damals nicht dafür garantieren können, dass ich am Leben bleibe. Trotz allen Verantwortungsbewusstseins, trotz aller Liebe!!!

    Du hast Recht, wir können nicht beurteilen, warum sich Chester Bennington das Leben genommen hat. Und wir sollen es auch nicht beurteilen! Aber die Diskussionen darüber und die (in)direkten Vorwürfe machen auch mich ganz krank. Von wegen die Kinder nicht genug geliebt und „Jaja, so ein Leben als Rockstar, Drogen und Ruhm, Ts ts“, da klettere ich auch auf die Palme.

    Sei herzlich gegrüßt!

    Gefällt 1 Person

  3. Ich finde Dein Zitat am Ende sehr passend. Mit den genaueren Umständen habe ich mich bei Chester Bennington nicht wirklich auseinander gesetzt, alles nur am Rande mitbekommen (Linkin Park ist einfach nicht meins). Letztendlich ist es, in meinen Augen, vollkommen wurscht, ob jemand depressiv war oder eine andere seelische Erkrankung hatte. Wer diesen Schritt geht, hat in den meisten Fällen für sich selbst festgestellt, dass es nicht anders weiter geht. Und dafür ist vollkommen egal, ob es von aussen gesehen andere Möglichkeiten gegeben hätte. Wenn es innerlich nicht mehr weiter geht und man irgendwann auch gar nicht mehr weiter mag, weil es einfach zu dunkel ist, dann ist es so. Das hat niemand zu be- und schon gar nicht zu verurteilen. Ich habe auch Narben am Arm. Sie sind meine Mahnung daran, wie dunkel es werden kann. Ich bin dankbar, dass ich ein Licht im Dunkel gefunden habe. Ich bin traurig, wenn jemand sein Licht nicht mehr finden kann.

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