Heute vor einem Jahr

Genau heute vor einem Jahr, war mein erster Arbeitstag im neuen Unternehmen. Irgendetwas in mir möchte, dass ich schreibe: Und damit nahm das Unheil seinen Lauf, aber so ganz möchte ich das nicht. Denn auch wenn es zum Teil stimmt, hat es auch sein Gutes, denn ich habe natürlich auch einiges mitgenommen. Außerdem war auch nicht alles schlimm in diesem Jahr. Aber es war definitiv eines der Jahre, die mich vor die größten Herausforderungen gestellt hat.

Ich weiß noch, wie sehr ich mich gefreut habe auf das neue. Auf eine Stelle, für die ich gar keine Bewerbung schreiben musste, sondern ich hatte einfach so überzeigt. Ich war froh, über all die neuen Möglichkeiten, die sich plötzlich boten und natürlich auch über das höhere Gehalt.

Und direkt sollte ich lernen, wo mein Platz war. Nämlich mit dem Rücken zu Tür, mit dem kleinsten Tisch, einem alten Laptop, da meine Kollegen die Gelegenheit nutzten, um sich selbst neue Laptops zu beschaffen und mir den ältesten zu geben. Außerdem war ich die einzige im Büro, die sich an die tatsächlichen Arbeitszeiten halten sollte. Aber gut, als Neuer muss man wohl da durch. Vermutlich hätte ich es an ihrer Stelle nicht viel anders gemacht.

Aber schon am zweiten Tag wurde meine Arbeitskollegin krank und ich war alleine. Wochenlang. Ich las im Intranet, schaute mit Dateien an, und hatte ab und zu Einarbeitungstermine, ansonsten schlug ich die Zeit tot. Ein Zustand, der leider anhalten sollte. Im Nachhinein betrachtet, war ich für vieles einfach zu feige, zu zurückhaltend. Vermutlich, weil ich mich nicht wirklich wohl fühlte, aber auch, weil ich es mir selbst dann doch nicht zutraute. Ich als diejenige, die vorprescht, Ideen entwickelt und dann auch präsentiert? Das ist nicht meins. Und je mehr ich mitbekam, die strategischen Spielereien, die Missgunst, das Anschwärzen usw. umso mehr zog ich den Kopf ein, um ja nicht aufzufallen. Ich dokterte für mich alleine herum, anstatt Hilfe einzufordern und zu zeigen, dass ich etwas kann.

Ich hatte aber einfach gehofft, dass meine Entwicklung mich zu einem Menschen gemacht hätte, der das alles aushalten und mitspielen kann. Mittlerweile glaube ich, dass ich diese Veränderung so unbedingt wollte und irgendwo wusste, dass es so einfach eben doch nicht ist, dass ich ein Zeichen brauchte. Eine neue Brille, ein neuer Haarschnitt, sehr her, ich bin ein neuer Mensch.

Gleichzeit fiel ich in alter Muster zurück. Ich verarbeitete wieder viel übers Essen, nahm zu, bekam meinen Schutzpanzer aus Fett zurück. Ich zog mich mehr und mehr zurück. Nur nicht auffallen, nur keine Fehler machen. Ich war so unglücklich.

Aber ich konnte mir endlich, endlich eine neue Wohnung leisten. Und die war so wunderschön, direkt zum Wohlfühlen.

Und dann kam das Angebot, wieder zurückzugehen. Zu Kollegen die ich mag, die mich wertschätzen und wo ich ordentlich zu tun habe. Und das in eine Traumabteilung, die wir oft „die Insel der Glückseeligen“ nannten.

Und in dem Moment, als ich die Stelle zusagte, kam der Anruf, dass meine Wohnung brennt….

Ich habe hier ja so einiges darüber berichtet, aber fand ich mich bei meinen Eltern auf dem Sofa wieder. Dabei war ich ein Grund für meinen Umzug auch mehr Abstand zu meinen Eltern zu gewinnen. Und ich fraß mehr und mehr in mich hinein, da wir uns ja nun mal nicht aus dem Weg gehen konnten.

Und jetzt – ein Jahr später? Ich bin zurückgefallen und weitergekommen. Ich bin stärker als vor einem Jahr und stärker als ich es jemals gedacht hätte. Ich bin aber gar nicht so anders. Und vielleicht muss ich das auch gar nicht. Vielleicht reicht es genauso zu sein, wie ich bin und das zu leben. Egal, ob mit 60 oder 90 kg. Egal, ob mit kurzen oder langen Haaren. Vielleicht bin ich tatsächlich genug…