senorita auf Rezeptsuche

Eigentlich wollte ich für morgen noch schnell einen Kuchen backen. Nein, stimmt nicht. Eigentlich wollte ich KEINEN Kuchen backen. Weil meine Büro-Mutti Urlaub hat, und weil ich keine Lust habe zu backen und weil wir in der letzten Woche jeden Tag Kuchen hatten…. Und jetzt gerade dachte ich: „Mhh, ich könnte eigentlich doch noch schnell einen Kuchen backen für morgen.“ Aber ich bin echt schlecht ausgestattet. Mein Buch mit den gesammelten Lieblingsrezepten ist leider weg und ich habe kaum Zutaten da. Selbst die Schokolade, die ich extra zum Backen gekauft hatte, habe ich – bis auf eine Tafel Halbbitter – einfach so aufgegessen. Ich habe weder Kakao noch Zitrone. Weder Rum noch Rum-Aroma. Ein einfacher Rührteig würde gehen, aber das ist doch auch langweilig, oder? Na ja, gibt es eben keinen Kuchen. Ich habe Geburtstag, da könnte mir jemand einen backen! So!

Eigentlich wollte ich aber was ganz anderes erzählen, nämlich wie ich bemerkt habe, dass die Depressionswelle letzte Woche sich wieder verabschiedet hat. Das ist verrückterweise gar nicht sooo eindeutig. Man könnte meinen, es würde ein wahres Stimmungsfeierwerk losgehen. Ups, ich meinte natürlich FeUerwerk, aber feiern passt auch. Yippie yeah, die Depri-Uschi hat mich wieder nicht richtig eingefangen. Juchu, die Schwere ist wieder verschwunden! Aber meistens schleicht das ganze so von dannen, wie es sich angeschlichen und zugepackt hat.

Aber ich saß im Auto auf dem Weg nach Hause und im Radio kam – Justin Timberlake. Ich liiiiiiiiebe Justin Timberlake. Und es war nicht „Can’t stop the feeling“, sondern ein älteres Schätzchen.

Und schon war ich mittendrin „I don’t know what I’m thinking bout, really leaving with you“. Im Auto habe ich meine größten Auftritte, ob das besser ist als in Hörweite kann nur mein Auto beurteilen und die alte Dame hält zu mir. Jedenfalls habe ich da realisiert, dass es mir wirklich besser geht und war unfassbar begeistert.

Deswegen hier jetzt auch für euch:

In the end it doesn’t even matter

Chester Bennington ist tot. Ich kann wirklich nicht behaupten, ich wäre ein großer Linkin Park Fan gewesen, aber mich macht es immer betroffen, wenn jemand sich dazu entscheidet sein Leben zu beenden und dies dann auch tatsächlich tut.

Wahrscheinlich weil ich selbst auch an diesem Punkt war, aber zu schwach und zu stark, um es tatsächlich durchzuziehen. Damals kam es mir wie eine Schwäche vor. Nicht mal das konnte ich. Aber gleichzeitig gab es irgendetwas in mir, dass eben stärker war, stärker als ich selbst. Ob es jetzt der reine Überlebenswille war, oder etwas anderes, weiß ich nicht. Aber diese Stärke/Schwäche hat mir das Leben gerettet. Und dann wusste ich, dass ich etwas ändern muss, denn weiter so vor sich hin zu vegetieren und zu leiden, konnte nicht die Lösung sein.

Mir tut es unfassbar leid, um jeden, der diesen Schritt gewählt hat und gleichzeitig muss ich zugeben, dass ich auch ein klein wenig Bewunderung empfinde, dass da jemand konsequent das gemacht hat, was er gefühlt hat. (Dabei möchte ich über richtig oder falsch gar nicht urteilen.)

Was mich gleichermaßen fasziniert, aufregt und verletzt, sind die aus solchen Selbstmorden resultierende Diskussionen. „Depressionen sind doch keine Entschuldigung.“, „Feigling“, „Die armen Kinder/Frau/Mann/Lokführer/Hund/Katze/Maus…“ „Den einfachen Weg genommen“, „Depression sind keine Krankheit“, „Wir alle machen mal schwere Zeiten durch“…. Ich weiß gar nicht, warum ich mir das immer wieder antun muss. Was genauso schlimm ist wie diese Sprüche ist die Reaktion von einigen Leuten, auf ernsthafte Versuche es zu verstehen. Da ist jemand, der ganz rational denkt und dementsprechend überhaupt nicht nachvollziehen kann, was einen Menschen dazu bringen kann. Ich finde es gut, dass er fragt, denn wir wollen doch immer mehr Verständnis und das setzt erstmal Interesse voraus. Damit ist er schon viel weiter, als viele (vor allem ehemalige) Freunde von mir. Und was passiert? Er wird beschimpft und vor allem fällt immer wieder der Spruch „Wenn  man keine Ahnung hat, soll man die Fresse halten!“ Ich glaube, das hat Dieter Nuhr anders gemeint. Wie soll man denn dazu lernen, wenn man nicht fragen darf?

Und wer ist am allerschlimmsten, bei dieser ganzen Pöbelei? Die die sagen, ich hab selbst Depressionen, ich weiß, wovon ich rede. Nach einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren 2015 rund 322 Millionen Menschen betroffen, 4,4 Prozent der Weltbevölkerung. Und nur weil ich einer davon bin, weiß ich, wie es für 331.999.999 andere ist? Wie unfassbar anmaßend und unglaublich dumm das ist! Das regt mich fast mehr auf, als die mit den dummen, oberflächlichen Sprüchen.

Und all das führt dazu, dass ich mich eben doch lieber verstecke. HIer kann ich sagen kann, dass ich Depressionen habe, wann eine schlimme Phase da ist, was mir dann durch den Kopf geht. Aber Treffen sage ich dann doch lieber wegen Kopfschmerzen ab, anstatt zu sagen, ich habe gerade so eine schlimme Phase, dass ich mich nicht unter Menschen traue, dass mir das zu anstrengend ist, dass ich sowieso keinem Gespräch folgen kann, weil ich mich so um mich und meine Grübeleien kreise, dass da kein Platz für etwas anderes ist. Und dass ich dann lieber als komisch gehalten werde, weil ich kurzfristig absage, als dass ich die Bekloppte bin, die sich mal zusammenreißen soll. Schließlich machen wir alle mal schwierige Zeiten durch.

Ich habe das Gefühl, dass sich die Haltung zu Depressionen und psychischen Krankheiten auch wieder dreht. Bei Robert Enke waren wir alle unheimlich betroffen und wollten offener sein, weil es so fürchterlich ist, Depressionen verheimlichen zu müssen. Jetzt wird wieder draufgetreten und das macht mich unheimlich traurig.

Sometimes solutions aren’t so simple
Sometimes goodbye’s the only way

Und wieder ein letztes Mal…

Im Moment scheint die Zeit der Abschiede und Neuanfänge zu sein.

Leider dürfen psychologische Psychotherapeuten keine Medikamente verschreiben. Es ist überhaupt unfassbar, was man so alles mitmachen muss, bevor ein Therapeut überhaupt anfangen darf zu arbeiten. Aber gut, das ist ja nochmal ein anderes Thema. Jedenfalls bin ich in Absprache mit meiner Psychologin zu einem Psychiater gegangen, der mir Medikamente verschreiben darf. Ich wusste einfach, dass es zu diesem Zeitpunkt auch ohne Medikamente gehen würde, aber nur mit unfassbarer Anstrengung und Schmerz.

In Absprache habe ich Anfang April die Medikamente ausgeschlichen und heute Morgen war ich dann nochmal zum Gespräch da.  Ich bin jetzt gute zwei Monate Psychopharmaka frei und es geht mir gut ohne. Wir sind nochmal durchgegangen, was mir geholfen hat. Vor allem hieß es weniger streng mit mir zu sein und einfach zu machen, was mir gut tut. Auch wenn der Verstand meistens nicht versteht, was und warum. Der Arzt sagte, so lange ich mir das erhalten kann, wird es mir gut gehen und ich werde alles bewältigen können. Ich soll einfach so weiter machen.

Und vor allem, ich habe keinen neuen Termin bekommen, sondern soll mich einfach melden, wenn ich nochmal reden möchte, Fragen habe, oder meine, dass es doch nicht so gut läuft.

Ursprünglich bin ich ja im Grunde nur für ein Rezept hingegangen. Dass ich ihm überhaupt etwas erzählen musste, war ein notwendiges Übel. Aber auch das hat mir geholfen. Er hat meinen Verstand beruhigt, wenn er mir von Studien und Forschung erzählte und mir mit Verstand erklärte, warum der Verstand eigentlich gar nicht so viel ausmacht.

Heute konnte ich mit einem guten Gefühl sagen, dass ich keinen neuen Termin haben möchte. Und er hat bestätigt, dass er es gut so findet. Jetzt ist schon wieder ein bisschen weniger Luft im Schwimmflügel. Das freut mich unheimlich, aber es ist eben auch genau das. Unheimlich.

 

Meine vorletzte Therapiestunde

Heute war ich endlich mal wieder bei meiner Therapeutin. Zuletzt war ich im Januar da und ich hatte den Termin extra weit rausgeschoben, weil ich ja wusste, dass ich nur noch zwei Termine habe. Ich hatte schon mal beschrieben, wie große Sorgen mir das Ende der Therapie macht.

Heute ging es vor allem darum, dass ich so viel übers Essen verarbeite und dass sich etwas gönnen oder sich etwas Gutes tun für mich immer Essen heißt. Dabei kann man sich ja auch mit einem Strauß frischer Blumen, einer Zeitschrift oder sonstwas etwas Gutes tun. Es muss nicht immer die Pommes-Currywurst sein, wobei mir natürlich bewusst sein muss, dass die Currywurst viel mehr betäubt, als es ein Buch oder Schuhe es könnten. Sie hat mir nochmal Mut gemacht, dass ich nicht immer so ungeduldig und streng mit mir sein soll, und dass das Abnehmen als Nebeneffekt kommt, wenn ich die anderen Probleme besser in den Griff bekomme. Sie hat mir ein Buch geliehen, dass „Lob des Essens“ heißt. Darin soll es darum gehen, dass Essen eben mehr ist als nur die Summe der Kalorien und wie man auch mit den anderen Bedeutungen des Essens . Da bin ich wirklich gespannt und ich freue mich, weil es ja das ist, was ich auch immer sage. Es geht um so viel mehr als nur Kalorien und Defizite usw. (Gut, im Grunde läuft es natürlich darauf hinaus, weil der Körper nun mal so funktioniert, aber trotzdem glaube ich, dass viel mehr rein spielt.)

Ich habe auch über meine Angst gesprochen, mich ohne Therapie zurechtzufinden. Natürlich gibt es die Möglichkeit noch weitere Stunden zu beantragen, aber sie glaubt nicht, dass ich das brauche. Ich habe alle Katastrophen und Schwierigkeiten auch alleine geschafft und habe nicht mal angerufen, wenn es mir schlecht ging, obwohl die Möglichkeit immer bestand und besteht. Und auch in den letzten Stunden haben wir das Rad nicht neu erfunden, sondern im Grunde hat sie mir durch ein paar richtige Fragen, nochmal das nach oben gebracht, was ich sowieso weiß. Ich hab viel auch einfach erzählt und sie hat mir immer wieder bestätigt, dass ich auf einem guten Weg bin.

Sie glaubt auch, dass ich das gut schaffen kann und werde und dass ich schon so viel geschafft habe und großartig voran gekommen wäre. Auch wenn ich das nicht immer so bewusst sehe. Und was soll ich sagen? Sie hat recht. In all den Katastrophen, in all den nächtlichen Heulkrämpfen (so viele waren es gar nicht mehr!), habe ich nicht angerufen. Ich nehme keine Medikamente mehr und komme gut zurecht. Die Sorgen gehören zum Freischwimmen dazu.

Was es mir außerdem leichter macht: Ich kann zwar mehr Stunden beantragen, die könnte ich aber nicht bei ihr machen, denn sie ist schwanger! Und ich will nicht mit jemand anderem wieder von vorne anfangen. Der oder die andere kann nicht sagen, „Guck dir an, was du schon alles geschafft hast! Und jetzt der Plan mit der Ausbildung zum Yogalehrer! Das wäre vor zwei Jahren noch undenkbar gewesen!“ Und das hat heute so gut getan. Meine Orientierung ist jetzt auch anders. Es geht viel mehr um neue Erfahrungen, Entwicklung und Glück finden, als Bewältigung und Verarbeitung. Ich bin ein gutes Stück aus meiner Opferrolle gewachsen. NOch nicht komplett, aber immer mehr.

ZUm Abschied und als kleines Dankeschön, möchte ich meiner Psychologin ein Tuch häkeln. Wolle habe ich schon, in Farben, die ihr gut gefallen könnten und jetzt suche ich noch ein passendes Muster. Eigentlich wollte ich den letzten Termin nochmal weit aufschieben, aber das geht nun nicht mehr, weil sie nur noch bis September arbeitet. Also ist tatsächlich Ende August Schluss.

Über dem ängstlichen Gedanken, was etwa morgen uns zustoßen könnte, verlieren wir das Heute, die Gegenwart, und damit die Wirklichkeit.

Soll ich meine Therapeutin bitten, weitere Therapiestunden zu beantragen?

Die Idee schwirrt seit gestern in meinem Kopf herum. Mein nächste Sitzung habe ich erst verschoben. Nicht, weil es mir so gut geht, sondern weil ich noch lange die Möglichkeit haben will jederzeit anrufen zu können.

Mir macht es große Angst, dass die Therapie bald weg fallen wird. Ich habe doch auch gerade erst die Antidepressiva abgesetzt. Bin ich schon weit genug?

Ja, ich habe viel gelernt und natürlich geht es mir so unfassbar viel besser. Aber kann ich das letzte Jahr als „Schwachstelle“ auslegen? Als Beweis, dass ich eben doch noch nicht so weit bin? Weil ich immer noch zu viel mit Essen verarbeite, weil das Verhältnis zu meiner Familie immer noch schwierig ist, weil mir immer noch Sicherheit fehlt, weil ich so sehr an mir zweifle, weil ich mich anderen Menschen eben doch nie so richtig öffne…

Ja und nein. Ich esse zu viel, wenn es mir schlecht geht, wenn ich mich leer fühle, esse ich, um mich voll zu machen, ich esse, um mir gutes zu tun. Und das ist nicht richtig. Da muss ich einen besseren Weg finden, ja. Das Verhältnis zu meiner Familie ist schwierig, ja. Aber ist es das nicht irgendwie immer? Vielleicht habe ich auch einfach eine zu rosarote Vorstellung von Familie, weil ich woanders immer nur die positiven Dinge sehe. Ja, mir fehlt Sicherheit. Aber gibt es überhaupt Sicherheit? Und wenn ja, ist diese tatsächlich auch für mich machbar? Ich mach mir nun mal viele Gedanken, aber ich mache ja trotzdem… und darauf kommt es letztendlich an, oder? Ich zweifle an mir, aber ich weiß, dass ich das überhaupt nicht müsste. Das letzte Jahr war keine Schwachstelle, es hat mir gezeigt, dass ich stark bin und dass ich endlich anfangen sollte, daran zu glauben. Wie viele Prüfungen muss ich denn noch bestehen, bis ich das endlich glaube? Ich öffne mich Menschen, in dem Maße, ich das in dem Moment öffne. Als wir nach einer Yogastunde letzten über Beziehungen gesprochen haben, sagte jemand, dass man sich für eine Beziehung ja auch total öffnet und das natürlich verletzlich macht. Und mir schoss direkt der Gedanke durch den Kopf, dass ich deswegen so lange Single bin. Und das mag zum Teil auch stimmen. Andererseits will ich auch gar nicht jedem Hansel gleich mein Herz öffnen. Solche Leute sind häufig auch eher anstrengend, weil sie einen mit sich so überfrachten.

Also doch nur die Angst? Habe ich Angst ohne Stützräder zu fahren? Die Sachen mit den Stützrädern ist ja die – man verlässt sich so sehr auf sie und bemerkt gar nicht, dass sie so verbogen sind und in der Luft stehen, dass man im Grunde schon lange ohne fährt. Aber das erste Mal Fahren, nachdem sie abmontiert wurden, ist fürchterlich und angsterfüllt.  Und wenn ich Angst habe, werde ich so vorsichtig, dass ich umfalle. Bin ich gerade an dem Punkt?

Aber es sind nicht nur die Stützräder. Das Fähnchen kommt auch noch weg. Ohne Yoga – wie soll das gehen? Bzw. ich bin im letzten Jahr, so selten gegangen, ich sehe ja, wohin das geführt hat. Und da hatte ich zumindest noch jederzeit die Möglichkeit.

Es fühlt sich so an, als hätte ich mir ein gutes Auffangnetz aufgebaut und jetzt reißt es überall und wird angeschnitten. Heißt es, dass das doch nicht genug war? Ich verfange mich selbst so in meinen Gedanken und Sorgen, dass ich selbst gar nicht mehr weiß, was richtig ist. Und ob ich mir selbst zu gut zurede oder mich zu verrückt mache. Und all das wird vermutlich erst die Zeit zeigen. Aber mit oder ohne Therapie? Ich weiß es gerade selbst nicht….

Weißt du, Dinge werden wahr, wenn man sie oft genug sagt

Ich habe mir etwas fürs Herz gewünscht  und „Grapefruit“ bekommen.

Über dir hängt Schwermut an der Wand
Wie ’ne sehr alte Girlande mit ’nem Meer aus Elefanten
Und Betonluftballons dran
Die geformt sind wie Monster
Wie and’re Edelparfum trägst du ’nen düsteren Blick
So düster – Lana Del Rey wär‘ sicher neidisch auf dich
Du sagst, dass das dein Schicksal ist
Dass du ab jetzt – doch sorry, daran glaub‘ ich nicht

Siehst du? Ich versteh‘ dich
Dass ist erstmal nur ’ne These, doch ich glaube, ich versteh‘ dich
Es ging mir schon mal ähnlich wie dir
Vielleicht weiß ich auch zu wenig über dich
Doch dein trauriges Gesicht, das erinnert mich an mich
Du erinnerst mich an mich

Denn weißt du, letztes Jahr – in etwa in genau dem gleichen Zeitfenster
Wie jetzt – hab‘ ich mit stumpfen Schwerten mich und auch Gespenster bekämpft
Ich lag jeden Tag nur im Bett und hab‘ mir Fragen gestellt
Wie zum Beispiel: Was ist bloß mein Plan auf der Welt?
Aber all das Kopfzerbrechen, die gefährlichen Gefechte
Und Duelle gegen mich zehrten sehr an meinen Kräften
Bis ich mir mit weißen Flaggen nachts den Frieden angeboten hab‘
Weil ich, wenn ich gewinne, auch am Ende bloß verlor’n hab‘
Ich wollte immer wie die andern sein, nur dass das absolut nichts bringt
Und dass das absolut nicht geht, weil’s die andern ja schon gibt
Der Tag, an dem das klar war, war für mich der erste Neubeginn
Und heute kann ich sagen, dass ich meine beste Freundin bin

Und all die schönen Dinge auf der Welt – das kann kein Zufall sein
Da hat es Mutter Erde mit uns Menschen ganz schön gut gemeint
Zeit vergeht zu schnell, um den Gedankenmonstern zu verfall’n
Und was du von dir hältst, das entscheidest immer du allein
Und Umarmung’n und Blum’n und im Sommer Regenduschen
Guck mal: schwimmen, atmen, lesen, schlafen
Freunde und Momentaufnahm’n
Lieben, lachen, kochen, tanzen
Weihnachten – wie nice das ist!
Und dann auch noch begreifen, dass du deine eig’ne Heimat bist
Und dann noch sing’n, und wir beide in der Küche
Und noch Coldplay, und vor allem Grapefruit zum Frühstück
Und eins noch: Mit ’nem Beinbruch gehst du auch zum Orthopäden
Deshalb kannst du ja vielleicht mal mit ’nem Psychologen reden?!
Deshalb bist du nicht verrückt – also auch nicht mehr als ich
Nimm deine Summertimesadness ab und zeig mir dein Gesicht!
Und ich will dir so vieles sagen wie zum Beispiel:
Du musst Phasen, so wie grade, nicht ertragen – nicht mal heimlich
Hör nicht auf die Zweifel, denn du bist nicht alleine
Hier, und alles geht immer weiter, immer weiter, so wie wir

Und weißt du, Dinge werden wahr, wenn man sie oft genug sagt
Sie oft genug –, heute wird ein schöner …
Weißt du, Dinge werden wahr, wenn man sie oft genug sagt
Sie oft genug –, heute wird ein schöner Tag
Komm, wir machen mal das Fenster auf, das Radio laut
Lass frischen Wind herein und alle alten Zweifel heraus
Wenn du fest daran glaubst, dann wirst du glücklich
Und heute gibt es Grapefruit zum Frühstück
Und weißt du, Dinge werden wahr, wenn man sie oft genug sagt
Sie oft genug –, heute wird ein schöner …
Weißt du, Dinge werden wahr, wenn man sie oft genug sagt
Sie oft genug –, heute ist ein schöner Tag

My story isn’t over yet

„Ein Semikolon repräsentiert einen Satz, den der Autor beenden könnte, aber sich dazu entschieden hat, es nicht zu tun. Dieser Autor bist du – und der Satz ist dein Leben.“

Ich liebe diese Botschaft.

Die Zeiten, zu denen ich darüber nachgedacht habe, tatsächlich den Punkt zu setzen, sind immer noch sehr nah bei mir. Also nicht, dass ich das noch als Option sehe, aber das Gefühl damals, die Hoffnungslosigkeit, die Leere, die Schwere. Als würde es nie wieder etwas anderes geben und als würde ich die Welt zu einem besseren Ort machen, wenn sie ohne mich auskommen würde.

Manchmal wünsche ich mir, ich könnte anderen deutlich machen, wie sich sowas anfühlt, denn dann würden sie sich Sprüche wie „Du musst das positiv sehen und das beste daraus machen!“ hoffentlich sparen. Denn diese Sätze versetzen mir immer noch einen tiefen Stich ins Herz. Wenn ich das könnte, dann hätte ich keine Depressionen. Und hätte ich damals tatsächlich das (für mich) vermeintlich Beste aus der Situation gemacht, dann würde es mich jetzt nicht mehr geben.

Und das Traurige ist, dass ich das immer noch nicht traurig finden würde, sondern einfach nur als eine andere Option. Mein Leben wäre eben vorbei gewesen. Schade, aber mehr auch nicht. Und dieser Gedanke ist gruselig.

Wenn ich manchmal wieder beginne, mich mit Anderen zu vergleichen, dann kommt mir aber auch der Gedanke, dass ich mir damit selbst unrecht tue. Denn ich musste von ganz unten, kurz vor dem Ende wieder kehrt machen und mich durchkämpfen. Natürlich sind Andere da vermeintlich weiter, wenn diese Wendung bei ihnen nicht nötig war. Es ist nun mal ein Teil meiner Geschichte, und ich würde gerne noch viel offener damit umgehen können. Ich möchte z. B. nicht, dass mein Arbeitgeber weiß, dass es (mittlerweile zum Glück immer seltener) Tage gibt, an denen ich mich nicht zusammenreißen kann, an denen die Depri-Uschi stärker ist als ich. Und gleichzeitig würde ich es so gerne offen sagen können. Ich wollte sterben, mein größter Wunsch war es, einfach nicht mehr aufzuwachen, aber jetzt bin ich hier! Ich habe hart daran gearbeitet, während Andere damit beschäftigt waren, eine Familie zu gründen, Karriere zu machen, sich selbst zu verwirklichen oder vielleicht auch nur damit einfach vor sich hinzuleben. Und dann versteht ihr, warum ich so unglaublich stolz darauf bin, so lachen zu können, dass im Büro nebenan die Türen geschlossen werden. Oder warum es für mich so besonders ist, mein „OM“ beim Yoga schmettern zu können, ganz egal, ob die Anderen schon aufgehört haben oder nicht. Und dann würden hoffentlich viele Fragen gestellt, mit denen ich dazu beitragen kann, so viele Vorurteile und Missverständnisse vielleicht nicht zu beseitigen, aber zumindest zu verringern. Möglicherweise könnte ich sogar dazu beitragen, dass Verständnis und den Umgang mit depressiven, oder überhaupt psychisch kranken Menschen zu verbessern. Dass für viele so ein Spruch wie „Man muss sich einfach auch über Kleinigkeiten freuen!“ unglaublich tief verletzen kann. Denn das würden wir gerne – sehr gerne sogar! Und der Satz „Anderen geht es viel schlechter!“ ist eine ausgesprochene Bestätigung für mein sowieso schon negative Selbstbild. Denn ich weiß, dass es Anderen schlechter geht, dass ich mich zusammenreißen müsste, aber ich kann es einfach nicht!

Aber so mutig bin ich leider nicht. Zu groß ist die Angst auf Unverständnis zu stoßen. Selbst Freundschaften sind dadurch zerbrochen, weil Freunde nicht das Verständnis aufgebracht haben, oder weil ich eine zu große Belastung war. Wahrscheinlich beides. In depressiven Zeiten kann ich keine Freundin sein. Der Kampf ist zu anstrengend. Wer möchte das schon mitmachen? Vor allem immer wieder. Und noch mehr Vorwürfe „Egal, was man sagt, es hilft sowieso nichts!“ will ich auch nicht mehr hören. Ich habe mir das nicht ausgesucht, ich würde gerne einen Teil der Last abgeben, aber ich gebe mein Bestes. Wenn du den Weg nicht mit mir gehen kannst, verstehe ich das, aber bitte wirf ihn mir nicht vor und werfe mir nicht vor, ich würde nicht alles dafür tun, ihn weiter zu gehen.

Deswegen finde ich „The Semicolon Project“ so großartig. Das Semikolon ist ein schönes Zeichen für die Geschichte vieler psychisch kranker Menschen und doch offenbaren sie sich mit einem kleinen Tattoo oder dem Armband, zumindest an diejenigen, die es verstehen. Und dadurch, dass es an der Hand getragen wird, ist es eine Erinnerung da ist, dass es keine Schande ist, seine Hand auszustrecken und sich Hilfe zu suchen.

Falls das jemand liest, der psychisch krank ist oder das Gefühl hat, es könnte eine psychische Krankheit vorliegen: Ihr seid nicht allein, ihr müsst das nicht alleine durchstehen.

Infos gibt es zum Beispiel hier: http://www.depressionsliga.de/

Und mein ganz persönliches Angebot für alle, die es gerade oder irgendwann einmal gebrauchen können:

Wenn euch etwas auf der Seele liegt, was einfach mal gesagt werden muss, dann schreibt ihr. Ich sage nicht, dass ich helfen kann, dass ich Ratschläge habe oder die Last nehmen kann. Aber ich kann da sein und zuhören!